Seit der Mensch den Sinn für Schönes entdeckt hat, gehört Bernstein zu den Objekten, mit denen Frau und Mann sich gern schmückten. Schon in der Steinzeit galt er als Glücksbringer und die Menschen trugen ihn, um sich mit ihm gegen böse Geister und so manch anderes, geistiges Ungeziefer zu wappnen. Sogar in der berühmten Höhle von Altamira in Kantabrien/Spanien mit ihren steinzeitlichen Wandmalereien fanden Archäologen Bernstein. Die Menschen vor 15.000 Jahren mochten den honigfarbenen Stein also auch schon.

Wie wertvoll Bernstein in der Steinzeit war, zeigen Grabbeigaben, unter denen fast immer Bernstein zu finden ist: geschnitzte Hasen, Pferde, Elche oder Figuren und sogar aufwendige Colliers. Bis ins antike Ägypten reichte der Ostsee-Exportschlager und wurde dort niemand geringerem als den Pharaonen auf ihre Totenreise mitgegeben. Auch Tutanchamun erhielt für seine Reise einen Skarabäus aus Bernstein.

Die Griechen nannten ihn Sonnenstein oder Elektron, wegen seiner elektromagnetischen Eigenschaft. Sie glaubten, dass es hoch im Norden sagenumwobene Bernsteininseln gebe, die sie Elektriden nannten. Die Römer verzierten alles mit Bernstein. Er war ein regelrechtes Statussymbol – zeitweise kostbarer als Gold. Manch Römer beschwerte sich gar, dass ein Figürchen aus Bernstein teurer sei als ein Sklave. Sie tranken aus Bernsteingefäßen und färbten sich ihre Haare bernsteinfarben.

Das alles kommt nicht von irgendwoher. Die Griechen und Römer glaubten, dass Bernstein die goldenen Tränen der Götter seien. Die Sage des Phaeton wie Ovid sie vor 2000 Jahren in seinen Metamorphosen beschreibt, zählt wohl zu den berühmtesten Legenden, in denen Bernstein vorkommt:

Phaeton, der Sohn des Sonnengottes Helios, war ein echter Draufgänger. Er wollte unbedingt einmal den Sonnenwagen seines Vaters lenken. Da er einen Wunsch bei Helios frei hatte, bekniete er ihn, ihm den Wagen zu überlassen. Doch die Pferde gingen in wilder Raserei durch. Erst als Zeus eingriff und gegen Phaeton einen Blitz richtete, endete die Höllenfahrt. Vom Blitz getroffen, stürzte der Wagen brennend in den Fluss Eridanus. Voller Trauer weinten Phaetons Schwestern an seinem Ufer um ihren toten Bruder. Dabei wurden sie von Zeus in Pappeln verwandelt. Ihre Tränen, die im Moment der Verwandlung noch aus den Baumrinden perlten, wurden im Sonnenlicht zu Bernstein.

Die Geschichte kommt dem Ursprung des Bernsteins erstaunlich nahe. Da die Herkunft des Bernsteins damals jedoch völlig unbekannt war, zerbrachen sich die Menschen den Kopf über den sonderbaren Stein, der doch keiner ist. Wahrscheinlich ist das ein Grund für die vielen Sagen und Mythen.

Auch der Norden, der Ursprungsort des Bernsteins, kennt viele Legenden. In Litauen gibt es zum Beispiel die Sage um die wunderschöne Meeresgöttin Jūratė, die in einem prächtigen Unterwasserschloss aus Bernstein lebte und sich in den Fischer Kąstytis verliebte. Ihr Vater, der Donnergott Perkūnas, war aber alles andere als erfreut über diese Liebe. Aus Wut zerstörte er den Palast und tötete Kąstytis. Bis heute werden die Trümmer und die zu Bernstein verwandelten Tränen der Jūratė an die Küste der Ostsee gespült.

Wer weiß, vielleicht war auch in der sagenumwobenen Stadt Vineta, die einst vor den Bernsteinbädern in der Ostsee gelegen haben soll, so manches Haus mit dem Gold des Meeres verziert. Reich gemacht haben, soll die Stadt ja immerhin die Kunst und der Handel mit Bernstein. Da ist es doch nicht abwegig, dass sich die Vineter mit ihm schmückten. In Koserow ist es Tradition, dass in der Osterzeit die „Glocken der Stadt Vineta“ erklingen. Seit jüngstem auch auf der neu gebauten Seebrücke, auf der ein acht Meter hoher Glockenturm an die Glocken der goldenen Stadt erinnert.

Eine andere Geschichte handelt von Freya, der germanischen Liebesgöttin. Sie war ganz verrückt nach Schmuck. Vor allem nach einer Halskette aus vier Reihen, von denen eine aus Bernstein war. Vier Zwerge haben sie angefertigt. Als Preis verlangte jeder der Zwerge eine Liebesnacht mit Freya. Der Wunsch, die Kette zu besitzen, war so groß, dass sie zusagte. Aus Angst, dass ihr Mann Oðr davon erfuhr, trug sie die Kette nur nachts. Doch durch eine List erfuhr Oðr davon. Unter Tränen beichtete Freya ihm alles. Oðr verzieh ihr. Aber von da an musste sie die Halskette immer tragen. Man sagt Freya nach, dass sie goldene Tränen weinte. Fielen die ins Wasser, verwandelten sie sich in Bernstein.

Auch das Bernsteinbad Koserow ist Schauplatz einer berühmten Bernsteinlegende. Hier wurde 1843 der Roman „Die Bernsteinhexe“ vom Koserower Pfarrer Wilhelm Meinhold veröffentlicht. Der Legende nach soll die Pfarrerstochter Maria Schweidler im Streckelsberg eine Bernsteinader gefunden und mit dem Erlös die Koserower unterstützt haben. Wegen ihres mysteriösen Reichtums wurde sie jedoch von einem verschmähten Verehrer der Hexerei bezichtigt, verhört und zum Tode verurteilt. Erst in letzter Sekunde wurde sie vor dem Scheiterhaufen gerettet.

Die Faszination für den Bernstein ist bis heute ungebrochen, denn sein warmes Leuchten regt die Fantasie der Menschen an. Der Mythen und Sagen um das Gold der Ostsee gibt es viele. Und immer ist der Bernstein darin ein Symbol für etwas Wertvolles und Kostbares. Die Chance, eines dieser sagenumwobenen Sonnengoldstücke hier auf der Insel Usedom zu finden, ist an den Stränden der vier Bernsteinbädern besonders groß.

Wir bedanken uns bei Sandra Grüning (Textwerkstatt Küstenkind) und Henry Böhm (Usedomgalerie) für die Zusammenarbeit.

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