Friedhelm Schmidt ist einer der letzten Fischer der Bernsteinbäder

Es ist mitten in der Nacht. Die Straßen von Usedom liegen wie ausgestorben unter den fahlen Kegeln der Laternen. Nur unten am Strand herrscht schon reges Treiben. Eilig wird alles Nötige zusammengepackt, die Stangen, die zum Setzen der Netze gebraucht werden, werden ins Boot gehievt. Später werden nur ihre roten Stofffähnchen aus dem Wasser ragen. Die Wathose, die Friedhelm Schmidt trägt, ist übersät mit Fischschuppen. Der Tag eines Fischers beginnt früh. Um vier Uhr geht’s los. Noch vor Sonnenaufgang.

„Je früher, je besser“, meint Friedhelm Schmidt aus Zempin. Mit seinen 66 Jahren ist er einer der letzten seiner Art. Doch er ist Fischer mit Leib und Seele. Wollte nie etwas anderes werden. Wenn die Sonne aufgeht, sind er und sein Kollege René Woischwill schon fleißig dabei, die Netze einzuholen, die sie den Tag zuvor gesetzt haben. Er weiß genau, wo er die Netze stellen muss. „Wenn mir damals, als ich noch grün hinter den Ohren war, die Alten von ihren Stellen erzählt haben, habe ich mir alles akribisch notiert. Heute habe ich jede Stelle im Kopf. Neumodischen Elektronik-Schnickschnack brauche ich dafür zumindest nicht“, meint Schmidt, der das Navigieren sogar noch nach Minuten und Sternen gelernt hat.

Gerade einmal vier Fischer gibt es noch in dem kleinen Bernsteinbad Zempin. „In den anderen Bernsteinbädern und auch auf dem Rest der Insel sieht es nicht besser aus“, weiß Schmidt. Der Fischer ist ein aussterbender Beruf. Denn es fehlt an Nachwuchs. Einen Nachfolger hat auch Schmidt nicht. Niemand wolle mehr Fischer werden. „Es ist ein Knochenjob. Mitten in der Nacht bei Wind und Wetter raus. Auch am Sonntag. Die Netze reinzuholen, ist Schwerstarbeit. Du arbeitest immer über Bord. Das geht auf den Rücken und die Knie. Und das Puhlen mit klammen Fingern ist eine Tortur. Mal davon abgesehen, dass mit dem Einholen des Fangs die Arbeit erst anfängt“, beschreibt er sein Tagwerk.

Wenn der Fang an Land ist, heißt es den Fisch aus den Netzen puhlen. Heute seien es ja nur noch sechs Zentner Hering, den sie wegen der Fangquote fischen dürfen. „Lächerlich. Das reicht nicht zum Leben. Zum Sterben aber auch nicht“, scherzt der Zempiner. Die riesigen, schwimmenden Fischfabriken fischten alle Meere leer. Denen seien Fangquoten reichlich egal. Sie fänden immer Schlupflöcher, die Quoten zu umgehen. Aber die kleinen Küstenfischer blieben wegen der geringen Fangquote auf der Strecke. Früher fingen sie so viel Fisch, dass sie während der Heringszeit im März und April beim Anlanden oben auf den zappelnden Heringen standen, erinnert Schmidt sich. „Die Frauen haben kräftig mitgepuhlt. Und selbst dann hat es noch fünf bis sechs Stunden gedauert“, erzählt er. Heute verkauft Schmidt nur noch wenig an den Großhandel. Zander, Barsch, Dorsch, Aal oder Lachs sind die einzigen Fische, die nachgefragt werden. Weißfische wie Plötze und Bleie werden wegen ihrer vielen Gräten heute kaum noch gegessen.

Der Großteil des Fangs landet in Schmidts Restaurant „Taun Fischer un sin Fru“. Fischliebhaber mögen den frischen Fisch und die typisch pommersche Art der Zubereitung. Ohne eigene Gastronomie könnten die meisten Küstenfischer nicht überleben. Inzwischen hat Friedhelm Schmidt sein urig verstecktes Restaurant an der Zempiner Hauptstraße aber schon an die nächste Generation übergeben. Seine Töchter sind dort jetzt die Chefinnen.

Es sind aber nicht nur die immer geringer werdenden Fangquoten und der fehlende Nachwuchs, der den Fischern das Überleben schwer macht. Die deutliche Zunahme der Robben und der Kormorane beschert den Fischern zudem immer wieder Ärger. Während die Robben hauptsächlich die Netze zerstörten und alles rausrissen, was sie kriegen könnten, sei der Bestand der Kormorane so stark angewachsen, dass er die Fischbestände enorm dezimiere. „Wenn so ein Schwarm Kormorane über einen hinwegzieht, ist es schwarz am Himmel“, berichtet Friedhelm Schmidt. Auf den Fischnachwuchs achteten die Vögel im Gegensatz zu den Fischern nicht. Was deren Maschen an Jungfischen durchließen, schaffe es wegen der Kormorane häufig nicht, eigenen Nachwuchs zu zeugen. Viele Fische, die die Fischer fangen, können außerdem nicht mehr verkauft werden, weil sie angefressen sind. Friedhelm Schmidt hat schon öfter Aale mit abgepickten Schwänzen gefangen.

Trotz der schwierigen Umstände liebt der Zempiner seinen Beruf. Schon als kleiner Steppke von acht Jahren war er mit seinem Großvater auf die Ostsee zum Fischen rausgefahren, hat sogar so manches Mal die Schule geschwänzt, sich im Segelboot des Großvaters versteckt, das am Strand des Bernsteinbades lag, und ist dann heimlich mit den Fischern mitgefahren. Friedhelm Schmidt lacht herzhaft. „Das waren noch Zeiten. Aber für mich gab’s nichts anderes.“

Damals waren es vor allem Segelboote, mit denen die Fischer auf die Ostsee gefahren sind, um Hering zu fangen. 36 Fischerboote hat es in Zempin nach dem Zweiten Weltkrieg noch gegeben. Der ganze Strand lag voller Holzboote. Sie wurden auf Rollen und Brettern in die Ostsee gezogen. „Es hat gedauert, bis die Boote frühmorgens endlich im Wasser waren“, erzählt Schmidt. Während seiner Lehrlingszeit musste er selbst noch die Boote per Hand ins Wasser oder an Land ziehen. Heute gebe es dafür Motorwinden oder Trekker. Das Jahr der Fischer ist in unterschiedliche Zeiten eingeteilt. Während die Fischer im Winter neue Netze nähten und vor den Öfen gemütlich schnackten, gehört das Frühjahr ganz dem Hering und den ihm folgenden Fischarten.

Früher besaß Friedhelm Schmidt auch einen dieser alten, nostalgischen Holzkutter. In seiner Anfangszeit waren die noch offen. Aber nach und nach rüsteten die Fischer sie mit Motoren und Ruderhäuschen auf. Zum Schutz vor Wind und Regen. Denn ab und an blieben die Fischer auch mehrere Tage draußen. Inzwischen hat der 66-Jährige sein Holzboot verkauft. Der Unterhalt sei so teuer, dass es ihm die Haare vom Kopf gefressen habe. Jetzt haben er und sein Kollege noch drei leichtere, offene Plastikboote, mit denen sie je nach Fischsaison entweder auf die Ostsee oder aufs Achterwasser rausfahren.

Missen möchte Friedhelm Schmidt nicht eine seiner Ausfahrten. Denn das Gefühl von Freiheit ist nach wie vor das gleiche. Nie hätte Schmidt das gegen einen warmen Bürosessel eingetauscht. „Jeder Tag ist anders. Eintönig wird es nie“, sagt er. Mal hängen die Wolken so tief, dass man Angst hat, sich an ihnen den Kopf zu stoßen, mal wird man von einem unglaublichen Sonnenaufgang überrascht. Auch, wenn er bald in Rente geht, steckt die Liebe zu seinem Beruf tief in ihm.

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