Koserow – die Sage von Vineta

Eines schönen Ostermorgens hütete ein Schäferjunge seine Herde in der Nähe des Strandes von Koserow. Da er Zeit und Muße hatte, blickte er auch von den Dünen über die weite Ostsee. Plötzlich tauchte aus dem tiefen Wasser eine große Stadt direkt vor ihm auf. Vor Neugierde getrieben, betrat dieser Junge die Stadt. Von dem ungeheuren Reichtum wurden seine Augen ganz geblendet. Die Menschen waren alle auf das prächtigste gekleidet und trugen den edelsten Schmuck aus Gold und Edelsteinen. Die Häuser waren reich verziert und aus den besten Materialien gebaut.

Mit Verwunderung musste der Junge aber feststellen, dass in der ganzen Stadt trotz geschäftigen Treibens nicht ein Laut zu hören war. Die Händler boten ihm die Ware wortlos feil. Da er aber gar kein Geld besaß, konnte er auch keine Waren kaufen. Schnell verließ er deshalb die Stadt und kehrte zu seiner Herde zurück.
Dort angekommen, drehte er sich noch einmal um und mit Erstaunen musste er feststellen, dass die schöne, alte Stadt wieder im Meer versunken war. Kurz darauf gesellte sich ein alter Fischer zu ihm und sagte: „Wenn du ein Sonntagskind bist, kannst du am heutigen Ostersonntag die Stadt Vineta aus dem Meer aufsteigen sehen“.

Der Junge berichtete daraufhin von seinem Erlebnis. Wie zur Bestätigung, erzählte der Fischer seine Kenntnisse über Vineta: “Hättest du nur einen Pfennig gehabt und damit bezahlen können, so wäre die Stadt erlöst und nicht wieder untergegangen. Diese Stadt war vor vielen Jahren die größte und reichste im ganzen Lande. Der Reichtum stieg den Bewohnern mehr und mehr zu Kopfe. Hochmut und Verschwendung waren an der Tagesordnung. Das konnte natürlich nicht gut gehen. Zeichen des nahenden Untergangs, wie eine Luftspiegelung der Stadt sowie die mahnenden Worte einer Wasserfrau:

„Vineta, Vineta, du rieke Stadt,Vineta soll unnergahn, Wiel deß se het väl Böses dahn!“

wurden einfach ignoriert. So kam, was kommen musste. Eine riesige Sturmflut riss in einer Novembernacht diese Stadt in die Tiefe. Seitdem kann man zu Ostern mit etwas Glück die Glocken von Vineta läuten hören. Und Sonntagskinder, sowie du, können sogar alle hundert Jahre die Stadt auferstehen sehen!“

Die hier vorliegende Fassung der Sage ist nur eine Kurzform. Die Vineta-Sage gibt es in den vielfältigsten Varianten, wie kaum bei einer anderen Sage. Durch das Volk, Gelehrte und Dichter wurden in den Jahrhunderten immer wieder Änderungen vorgenommen. Auf alle Fälle ist sie aber eine der schönsten Sagen.